Münster, 25. Juli 2009 – Bevor Medina sich die Schuhe anzieht und den ersten Schritt vor die Haustür macht, schaut sie die Schotterwege links und rechts hinunter. „Ich habe Angst, dass die Polizei uns holt“, sagt sie.

Die 17-Jährige ist eine Roma. Sie wurde in Münster geboren und lebt im Roma-Dorf, dem städtischen Auffanglager hinter der Kanalbrücke, abseits der Warendorfer Straße. Jeden Tag hat sie Angst. Angst vor einem „Abschiebe-Kommando“. Wie eins aussieht, weiß sie allerdings auch nicht.

Ihre Familie kommt aus dem Kosovo. Doch Medina sagt: „Hier ist mein Zuhause.“ Zuhause, das ist Deutschland, Münster, eine 60-Quadratmeter-Baracke, die sie sich mit ihren zwei Brüdern, ihrer Schwester und den Eltern teilt. 90 Roma-Bewohner leben in den 24 Häusern der Siedlung. Die Enge und die einfachen Verhältnisse stören sie nicht, im Gegenteil: „Im Kosovo könnten wir nicht zur Schule gehen, keine Ausbildung anfangen. Wir müssten auf der Straße leben, dürften nicht unsere Muttersprache sprechen.“ Medina hat Angst vor dem Unbekannten. Sie war noch nie im Kosovo, daher spricht sie auch nicht von einer Rückkehr.

Rosafarbene Shirts

Mit ihrer einzigen Freundin im Roma-Dorf, der gleichaltrigen Sandra, versucht sie, wie eine normale Jugendliche zu leben. Sie kaufen bei H&M ein, gehen ins Kinderhauser Freibad, tragen Jeans und rosafarbene Shirts. „Wir haben mehr deutsche als Roma-Freunde“, sagt Sandra. „Hier kann ich viel mehr erreichen. Wenn wir abgeschoben werden, habe ich nicht mehr diese Möglichkeiten.“

Wenn sie sich im Kosovo als Roma preisgäben, glaubt Sandra, würden sie von Kosovo-Albanern verfolgt, womöglich ermordet. An jener Stelle, wo die Angst vor Abschiebung und deren Folgen beginnt, endet für sie die Freiheit.

Im Juni hat Sandra die Förderschule abgeschlossen und würde in Münster eine Ausbildung zur Friseurin anfangen – wäre nicht Paragraph 104 des Aufenthaltsgesetzes. Nachdem die NRW-Landesregierung diesen Paragraphen geändert hat, haben Medina, Sandra und 302 andere Roma in Münster keine Chance auf eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder eine Aufenthaltsberechtigung.

Seit dieser Änderung schlafe sie keine Nacht durch, sagt Medina, vor allem, weil Ferien sind. In den Ferien, glaubt sie, ist die Gefahr, abgeschoben zu werden, besonders groß. Dann sei die Familie oft an einem Fleck und leichter einzusammeln. „Manchmal schlafe ich bei einer Freundin in der Innenstadt.“ Ihre Freundin Sandra spricht dreimal pro Woche mit ihrem Sachbearbeiter im Ausländeramt über Möglichkeiten, eine Aufenthaltsberechtigung und eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Doch allein in Deutschland will sie nicht leben. „Ich will meine Familie nicht verlieren.“

Zeit bis September

Nach Auskunft der Ausländerbehörde erhalten die Roma in der kommenden Woche ein Schreiben mit der Aufforderung, Deutschland freiwillig zu verlassen – Reisekostenzuschuss und Überbrückungsgeld im dreistelligen Bereich werden bei einer freiwilligen Ausreise versprochen. Bis zum 15. September müssen sie sich entschieden haben. Was und wann danach etwas passiert, bleibt ungewiss. Wie Medinas Angst.

Zweifelhafter Schutz

Das ehemals zu Serbien gehörende Kosovo hat sich im Februar 2008 für unabhängig erklärt. Die neue Verfassung sieht einen besseren Minderheitenschutz für die Roma vor, die dort lange verfolgt wurden. Deshalb halten es die Innenminister der Länder inzwischen für unbedenklich, Roma-Flüchtlinge ins Kosovo abzuschieben. Menschenrechtsorganisationen bezweifeln aber, dass sich die Verhältnisse vor Ort wirklich gebessert haben.

Quelle: Münstersche Zeitung