Für viele Geduldete ist Deutschland längst die vertraute Heimat.

Mirsad Miftaraj ist angekommen in Deutschland. Nach 16 Jahren. Endlich kann er planen, Möbel kaufen und das erste eigene Auto. Vorbei ist die Unsicherheit, vielleicht doch abgeschoben zu werden, wie sein Bruder, den sie um fünf Uhr morgens geholt hatten. Vorbei ist die Angst, zurückzumüssen in die verlorene Heimat, wo sie gezwungen wurden zu kämpfen, wo ihre Häuser brannten, wo ihre Schwester verschwand.

Mirsad Miftaraj, 31, trägt ein ärmelloses T-Shirt zur Trainingshose, er hat dunkle, gelockte Haare. Er ist Roma aus dem Kosovo. 1991, als der Krieg seine ersten Vorboten schickte, ist er mit seiner Familie nach Deutschland geflohen. Miftaraj erinnert sich an die Drohungen, die Schlägereien, die Schießereien in der Nacht. Sein Vater schaffte seine Frau und die Kinder aus dem Land. Sie kamen erst nach Karlsruhe, dann nach Freiburg, wo Miftaraj bis heute lebt. Damals stellte er einen Asylantrag. Der wurde abgelehnt. Miftaraj war aber geduldet. Das heißt, er lebte eigentlich illegal in Deutschland, wurde aber nicht abgeschoben. 16 Jahre lebte er von Duldung zu Duldung. Mal erteilte die Ausländerbehörde sie für drei, mal für sechs Monate. “Wann wirst du abgeschoben?”. Diese Frage war sein täglicher Begleiter.

Knackpunkt Arbeitsplatz

Vor zwei Jahren beschlossen die Innenminister, dass Geduldete, die am 1. Juli 2007 seit mindestens sechs Jahren in Deutschland lebten, eine Aufenthaltserlaubnis bekommen, wenn sie ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können. Bis zum 31. Dezember 2009 müssen sie belegen, dass sie ihren Lebensunterhalt “überwiegend selbstständig” bestreiten können. Doch je näher das Datum rückt, an dem endgültig über ein dauerhaftes Bleiberecht für sie entschieden werden soll, umso deutlicher zeigt sich, wie schwer die Hürden zu nehmen sind – zumal in Zeiten der Wirtschaftskrise.

Die Altfallregelung war gemacht für Menschen wie Miftaraj: fleißig, gut integriert. In Deutschland gibt es davon 35 000. Von den 390, die in Freiburg leben, sind mit Abstand die meisten Roma aus dem Kosovo. Miftaraj kennt sie fast alle. Für zwei Mark die Stunde hat er in den Flüchtlingsunterkünften als Übersetzer gearbeitet, zwischen den Roma und den Behörden vermittelt. Er spricht perfekt Deutsch mit einem leichten badischen Einschlag.

Wenn Miftaraj zwischen dem 1. Juli 2007 und dem 31. Dezember 2009 mehr als die Hälfte seines Lebensunterhalts selbst bestritten hat, oder vom 1. April an fest angestellt war und keine zusätzlichen staatlichen Gelder bekommen hat, wird die Erlaubnis verlängert – bis zur nächsten Prüfung zwei Jahre später. Da er 2007 noch keinen festen Job hatte, wurde die Erlaubnis zunächst auf Probe erteilt. Für ihn hing also viel mehr an dieser Frage als nur die finanzielle Unabhängigkeit. Es ging auch darum, ob er in Deutschland bleiben kann.

Für ihn war es nicht einfach, Arbeit zu finden, ohne Abschluss, ohne Ausbildung. Er ging zwar auf die Realschule, brach sie aber ab. “Ich habe die Schule gehasst”, sagt er. Er sei gehänselt und zusammengeschlagen worden. “Scheiß Ausländer” hätten sie gebrüllt. Dazu kam die Angst vor der Abschiebung. Es fehlte ihm nicht nur die Perspektive in Deutschland, sondern auch im Kosovo. Laut Amnesty International liegt die Arbeitslosigkeit von Roma dort knapp unter 100 Prozent. Warum sich also in die Schule quälen?

In Freiburg haben 170 Geduldete die Aufenthaltserlaubnis auf Probe bekommen, deutschlandweit 27 000 – mehr als drei Viertel aller Menschen, die unter diese Regelung fallen. Bei ihnen wird Ende des Jahres geprüft, ob die Erlaubnis verlängert wird. Der Freiburger Projektverbund Bleiberecht, der von der EU gefördert wird, versucht möglichst viele dieser Fälle in Arbeit zu vermitteln. Miftaraj und 30 weiteren konnte er so helfen. Für andere sieht es schwierig aus: “Die Wirtschaftskrise hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht”, sagt Alexander Hauser vom Projektverbund. Es sei schwieriger geworden, Arbeitsplätze zu finden. Viele Ausländer, die eine Aufenthaltserlaubnis auf Probe haben, fallen vermutlich wieder in die Duldung zurück. Damit kommt die Angst vor der Abschiebung wieder hoch.

Wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage haben die Innenminister vor kurzem eine Überarbeitung der Bleiberechtsregelung diskutiert. Der Berliner Innensenator Körting (SPD) hat sich dafür eingesetzt, dass Flüchtlinge, “die sich ernsthaft um ihren Lebensunterhalt bemühen”, eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Zu einem Ergebnis kamen die Runde jedoch nicht. Kirchen, Wohlfahrtsverbände, Grüne und Linke haben sich jetzt für eine Verlängerung der Frist eingesetzt.

Geduldete dürfen die ersten Jahre in Deutschland nicht arbeiten. Erst nach drei Jahren haben sie ungehinderten Zugang zum Arbeitsmarkt. Miftaraj musste für jeden Job eine Arbeitserlaubnis beantragen. Sechs Wochen habe er darauf warten müssen, erzählt Miftaraj – für manche Arbeitgeber zu lang. Viele Jobs konnte er deshalb nicht annehmen. Irgendwie hat er aber immer was gefunden, als Schlosser, Kfz-Mechaniker, Hausmeister oder für eine Leiharbeitsfirma. Seit April hat er zum ersten Mal einen festen Job. Er arbeitet bei einem Zulieferbetrieb, der Autositze herstellt. Es scheint gut zu laufen. Wie zum Beweis packt er aus einer braunen Pappschachtel eine schwarz-goldene Trophäe aus, die er am Tag zuvor von seinem Chef bekommen hat. “Verdienstauszeichnung für Mirsad Miftaraj” steht dadrauf. Für ihn stehen die Chancen gut, dass er hier bleiben darf. Bei seiner Mutter, Ganimet, sieht es anders aus.

Mitte der 90er Jahre ging Ganimet Miftaraj mit den Töchtern freiwillig zurück in den Kosovo, zu ihrem Mann, der dort noch lebte. Der Krieg war damals schon ausgebrochen. Irgendwann in den Kriegswirren ist eine der vier Töchter verschwunden. Bis heute weiß die Familie nicht, was mit ihr passiert ist, ob das Mädchen überhaupt noch lebt. Nach dem Tod des Vaters 1996 kam Ganimet Miftaraj mit den Töchtern wieder nach Deutschland. Heute ist sie 52 Jahre alt und noch immer lassen sie die Bilder des Krieges nicht los.

Auch sie fiel unter die Altfallregelung, hat die Aufenthaltserlaubnis auch nur auf Probe bekommen. Sie hat keine Arbeit, macht aber gerade einen Deutschkurs. Ihr Sohn Mirsad hofft, dass sich damit ihre Chance auf eine Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis verbessert. Sicher ist das nicht.

Für die kosovarischen Roma würde eine Abschiebung bedeuten, wieder in ein Land zu müssen, wo sie seit den frühen 90er Jahren verfolgt werden. Als die Kosovo-Albaner den Kampf für die Unabhängigkeit von den Serben aufnahmen, standen die Roma zwischen den Fronten. Sie hatten immer mit den Albanern gelebt, sprachen Albanisch, gingen auf albanische Schulen. Andere Roma schlugen sich auf die Seite der Serben, was viele Albaner ihnen nie verziehen haben. Es kam zu Pogromen gegen Roma. Bis heute werden Straßenzüge geplündert und Häuser angezündet, berichtet Amnesty International.

Bis Ende vergangenen Jahres hatte die UN-Übergangsverwaltung die Verantwortung für die Rückführungen in den Kosovo. Wegen der angespannten Lage hat sie Abschiebungen von Roma verhindert. Mit der Unabhängigkeit des Kosovo ging die Verantwortung an die Behörden des Landes. Sie sind zur Aufnahme von Vertriebenen bereit. Damit können auch Roma aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben werden. Seit dem 15. Juni solle für alle Geduldeten aus dem Kosovo eine Rückführung geprüft werden, heißt es in einer Verwaltungsvorschrift des Bundesinnenministeriums und des Stuttgarter Innenministeriums. Nach Auskunft der Ausländerbehörde Freiburg werde das in naher Zukunft aber nicht möglich sein.

Miftaraj sagt, seine Heimat sei hier, in Deutschland, in Freiburg. Seine Familie hat noch ein Haus im Kosovo, aber davon stünden nur noch die Mauern, erzählt er. Sein Bruder hätte es sich angeschaut, aus dem Auto hätte er es gefilmt. Ausgestiegen sei er nicht. Die Angst war zu groß.

Heute lebt Miftaraj mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Bruder in einer Wohnung im Aussiedlerheim. Im Wohnzimmer stehen neue Möbel. Die hat sich Miftaraj gekauft, nachdem er den Job bekommen hatte. Über dem Sofa hängt ein Foto von seinem Vater. Als sie geflohen sind, hat Miftaraj ihn zum letzten Mal gesehen. Er konnte nicht zur Beerdigung. Als Geduldeter durfte Miftaraj Freiburg nicht verlassen. Im Herbst will er nach 18 Jahren zum ersten Mal in den Kosovo – Abschied nehmen von der verlorenen Heimat.

Autor: Daniel Etter

Quelle: Badische Zeitung

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