Altenberge, 15 Oktober 2008 – Die Idylle an der Lindenstraße war Dienstagmorgen um kurz nach sieben Uhr auf einen Schlag zerstört. Fünf Streifenwagen und ein Transporter der Kreisverwaltung stoppten an der Hausnummer 19 b und klingelten bei Familie Jahja.

Vater Binak Jahja, seine Frau Luljeta und seine beiden Töchter Kadijre (28) und Florenta (17) waren zu diesem Zeitpunkt längst untergetaucht. Jetzt wird die Familie per Haftbefehl gesucht, die Schlösser an der Lindenstraße wurden ausgetauscht, die Roma-Familie aus dem Kosovo soll nach Serbien abgeschoben werden.

“Ich kann das nicht verstehen”, sagt Monika Naeve. Die Altenbergerin kennt die Familie seit 17 Jahren und versucht seit Montag, doch noch eine Lösung zu finden, damit sie in Altenberge bleiben kann. “Das sind ordentliche und fleißige Leute, da hat noch nie jemand Konflikt mit dem Gesetz gehabt”, sagt Naeve. Die 17-jährige Tochter sei in Deutschland geboren, sie besucht die Ludgeri-Hauptschule. Neve: “Sie soll jetzt in ein Land, das sie überhaupt nicht kennt.” Monika Naeve unterstützt die beiden Söhne Fidan (22 Jahre) und Shaban Jahja (28 Jahre), die beide berufstätig sind. Und weil ihre Ehepartnerinnen eine Aufenthaltserlaubnis haben, sind sie nicht von der Abschiebung betroffen.

Die Söhne versuchen seit Montag zusammen mit ihrem Rechtsanwalt alle Hebel in Bewegung zu setzen, um die Abschiebung zu verhindern. Auch, weil ihre Mutter schwer krank ist. Das bestätigt die Hausärztin Lisa Degener: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass die medizinische Versorgung für Frau Jahja in Serbien gegeben ist”, erklärte sie gestern. Die an Diabetes erkrankte Frau brauche täglich bis zu acht Medikamente und müsse regelmäßig eine Spezialpraxis aufsuchen.

Nachdem die Familie bereits einmal abgeschoben worden sei, habe die Tochter erleben müssen, wie man ihren Vater im Kosovo misshandelt habe. Sie sei traumatisiert. “Die Abschiebung der Mutter kann man medizinisch nicht verantworten”, ist Lisa Degener überzeugt.

“Frau Jajha ist zu einer amtsärztlichen Untersuchung vor ein paar Wochen nicht gekommen. Wir hatten heute einen Arzt dabei und hätten sie untersucht”, erklärt der Rechts- und Ordnungsdezernent des Kreises Steinfurt, Dr. Martin Sommer. Die Abschiebung sei für die Familie nicht plötzlich gekommen, betont er. Sommer: “Wir haben vor vier Wochen zu einem Gespräch eingeladen und sie aufgefordert, freiwillig auszureisen.” Dies sei nicht geschehen. Familie Jajha habe in den vergangenen Jahren alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft. “Alle Asylanträge sind abgelehnt worden”, so der Dezernent. Die Entscheidung für die Abschiebung treffe zudem nicht der Kreis, sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.

Rechtsanwalt Michael Kolostori aus Osnabrück sieht derweil noch Chancen, dass die Familie bleiben kann. Das Verwaltungsgericht in Münster habe entschieden, dass eine medizinische Versorgung von Luljeta Jahja im Kosovo nicht gegeben sei. “Jetzt kommt die Ausländerbehörde auf die Idee, sie nach Serbien abzuschieben.” Auch dort kann seiner Ansicht nach die medizinische Versorgung nicht gewährleistet werden.

Zum Zweiten versuche er, aus humanitären Gründen ein Aufenthaltsrecht für die Familie zu erwirken.

Autor: Uwe Renners

Quelle: Westfälische Nachrichten

Siehe auch:

„Wir wussten nichts vom baldigen Schulabschluss”, Ahlener Zeitung, 21. Oktober 2008