Von der internationalen Öffentlichkeit kaum beachtet, wurden im Sommer und Herbst 1999 von den ehemals etwa 150 000 in Kosovo lebenden Roma zwei Drittel von albanischen Nationalisten aus dem Land vertrieben – oftmals unter den Augen der bereits im Kosovo stationierten NATO-Truppen. Das European Roma Rights Center hat die Pogrome als die „größte Katastrophe” für Roma nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.

Gewalt, mangelnde Rechtssicherheit, beschränkte Bewegungsfreiheit durch ethnische Segregation, Armut und das restriktive Migrationsregime der Europäischen Union sind für viele der Bürgerinnen und Bürger im Kosovo brennende Probleme – unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft. Für die Kosovo-Roma hat sich die Situation vor allem mit und nach dem Krieg drastisch verschlechtert. Noch immer leben Roma unter miserablen Bedingungen in Flüchtlingscamps. Die internationale Gemeinschaft hat die Roma-Vertreter konsequent aus dem Verhandlungsprozess um die Zukunft Kosovos ausschlossen.

Allein in Deutschland leben heute etwa 38.000 Roma-Flüchtlinge aus dem Kosovo. Ungeachtet der nach wie vor schwierigen Situation im Kosovo hat die UN-Verwaltung im Mai 2005 auf Druck der deutschen Regierung der Einleitung von Abschiebungen von Angehörigen ethnischer Minderheiten nach Kosovo zugestimmt. Die Vereinbarung wurde gegen die ausdrücklichen Warnungen zahlreicher Menschenrechtsorganisationen getroffen. Neue gewalttätige Übergriffe wie zuletzt im März 2004 werden im Zuge der festgefahrenen Auseinandersetzungen um den völkerrechtlichen Status des Kosovo von vielen Beobachtern für möglich gehalten.

In unserem Seminar wollen wir die Situation der Kosovo-Roma von verschiedenen Seiten beleuchten und Perspektiven des Widerstandes diskutieren. Das Seminar will einerseits Informationen zu diesem von den internationalen Medien und der Politik verdrängten Thema liefern. Anderseits soll es zur Koordination und Diskussion von Aktivitäten dienen. Dazu sind als ReferentInnen Aktivisten der Selbstorganisationsprozesse der Roma im Kosovo, Aktivsten der Anti-Abschiebungskampagnen und ExpertInnen eingeladen.

ReferentInnen:

Sebastijan Serifovic (Pristina, derzeit Genf) ist Roma Aktivist aus Kosovo. Er hat u.a. am Kosovo Roma Oral History Project teilgenommen und ist Mitglied des Roma Ashkali Documentation Center (RADC) in Pristina. Er wird über die Versuche der Selbstorganisation der Kosovo-Roma berichten.

Dzoni Sichelschmidt (Hamburg) war Sprecher der Roma-Protestkarawane gegen Abschiebungen. Er wird über die Proteste von Roma in Deutschland gegen Abschiebungen und die Probleme der „Bleiberechtsregelung” berichten.

Karin Waringo (Straßburg) ist promovierte Politologin und Redakteurin der Webseite Romano Them (http://kosovoroma.wordpress.com). Sie wird zum Thema Flüchtlingspolitik und Abschiebepläne der „internationalen Gemeinschaft” nach der Unabhängigkeit referieren.

Stefan Müller (Wien) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete für verschiedene Organisationen (u.a. OSZE und Open Society Institute) zur Minderheitenproblematik im Kosovo. Er wird zur Politik internationaler Organisationen (UNMIK, Ahtisaari Plan) und der Kosovo-Regierung gegenüber Roma berichten.

Dirk Auer (Sofia) ist Journalist und Redakteur der Website http://www.roma-kosovoinfo.com. Er wird in das Thema einleiten.

Grete Misselwitz (Berlin) ist Soziologin und hat zur Situation abgeschobener Roma im Kosovo geforscht. Sie wird über die Ergebnisse ihrer Arbeit referieren.

Karsten Lüthke (Berlin) war Mitarbeiter im UNMIK “Office of Return and Communities”. Im Februar 2007 erstellte er für Pro Asyl den Bericht “Perspektiven bei einer Rückkehr in das Kosovo, insbesondere für Angehörige ethnischer Minderheiten”. Er wird über Abschiebungen und die Rolle der UN berichten.
Programm:

11:00 – 13:00

Begrüßung und Moderation: Boris Kanzleiter

Dirk Auer
Einführung ins Thema: Vergessene Opfer – Die Vertreibung der Roma aus dem Kosovo

Sebastijan Serifovic (RADC)

Menschenrechtslage aktuell

Stefan Müller (ehemaliger OSCE Minderheitenbeauftragter)
Umgang der internationalen Organisationen mit Kosovo Roma (UNMIK, OSCE, Ahtisaari-Prozess)

– Pause 30 Min –

13:30 – 15:30

Grete Misselwitz (Soziologin)

Vorstellung Forschungsergebnisse zu Abschiebungen

Karsten Lüthke (ehemaliger Mitarbeiter Office of Return)
UNMIK und Abschiebung

Karin Waringo (Romano Them)
Flüchtlingspolitik und Abschiebepläne der „internationalen Gemeinschaft” nach der Unabhängigkeit

– Pause 30 Min –

16:00 – 18:00

Film

Dzoni Sichelschmid (Anti-Abschiebung Kampagne)
Anti-Abschiebungskampagen in Deutschland

Sebastijan Serifovic (RADC)
Perspektiven und Möglichkeiten der Roma Selbstorganisation

Eine Veranstaltung des Bildungswerk der Heinrich-Böll-Stiftung

Diese Veranstaltung wird realisiert aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin
03. Mai 2008, 11:00 bis 19:00 Uhr

Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung
Kottbusser Damm 72
10967 Berlin

http://www.bildungswerk-boell.de