Backnager Kreis, 17. April 2008 – Er lebe jetzt „ein neues Leben”, sagt Nedzad S. Mit seiner Frau Tereza und Jennifer, der jüngsten Tochter, sitzt er auf dem Sofa im Wohnzimmer der Mietwohnung in einer Kreisgemeinde. Nach jahrelangem Kampf hat die kosovarische Roma-Familie mit ihren drei Töchtern im Alter von 4 bis 14 Jahren das Bleiberecht in Deutschland erhalten und kann jetzt ein annähernd normales Familienleben führen, eben dieses „neue Leben”, wie der Familienvater formuliert. Seit sie ihre Pässe haben, „sind wir richtige Menschen”, sagt Nedzad S. Es ist ein Leben ohne die permanente Angst vor Abschiebung. Die Familie will ein Beispiel für gelungene Integration sein.

Der 37-Jährige darf jetzt endlich arbeiten und fällt dem deutschen Steuerzahler nicht mehr zur Last, was er zuvor kraft Gesetzes tat, weil ihm als geduldeten Asylbewerber Arbeit nicht erlaubt war. Tereza S. spricht bereits ein gutes Deutsch. Die älteste Tochter Klara ist in ihrer Schule so beliebt, dass sie zur Klassensprecherin gewählt worden ist.

Viele Menschen haben die Familie S. bei ihrem Kampf unterstützt, so die Mitglieder des Arbeitskreis Asyl und der Migrationsbeauftragte der evangelischen Landeskirche. Allen voran hat sich Pfarrerin Elke Gebhardt aus Allmersbach im Tal für die Familie eingesetzt.

Sie hatte die Familie durch einen Zufall kennengelernt und hat ihr beim quälenden Gang durch die Instanzen beigestanden. Das hat die Kirchenfrau mit der ihr eigenen Energie und Unnachgiebigkeit, vielleicht auch Dickköpfigkeit, getan. Dabei hat sie immer deutliche Worte gefunden, in Kauf nehmend, dass sie es sich mit Mitarbeitern der Verwaltung und der Arbeitsagentur ordentlich verscherzt: „Die haben das Telefon schon gar nicht mehr abgenommen, wenn sie meine Nummer gesehen haben”.

Elke Gebhardt war es auch, die den Fall der Familie vor Jahresfrist publik gemacht hatte (wir berichteten). Damals hätte Nedzad S. sofort einen unbefristeten Job bei einem Abfallsortierungsbetrieb antreten können und wollen – alleine: die Agentur für Arbeit verweigerte die Zustimmung und begründete das mit den gesetzlichen Vorgaben. Man könne gar nicht anders. Was für die Behörden ein ganz normales Vorgehen nach den Buchstaben des Gesetzes ist, wirkte auf die Pfarrerin wie eine nicht enden wollende Farce. Dass man dem Familienvater die Arbeit verweigerte und stattdessen der Steuerzahler die Sozialhilfe für die fünfköpfige Familie aufbringen musste, will ihr heute noch nicht in den Kopf. Dazu kam die menschliche Dimension. Wie man auf den Ämtern mit den Asylbewerbern umgesprungen sei, das brachte die Pfarrerin auf die Palme.

Man schrieb den November vergangenen Jahres, als sich für die fünfköpfige Familie alles zum Guten wendete. Die Eltern bekamen ihre Pässe und die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Er ist inzwischen ein geschätzter Mitarbeiter in einem Backnanger Metallbetrieb. Seine Frau hat mehrere Putzstellen – endlich kann sich die Familie ernähren.

Ihre Geschichte war in den vergangenen Jahren erst geprägt von Flucht und schrecklichen Erlebnissen, dann von einem improvisierten Leben im fremden Deutschland. Einen Satz des Roma aus jener Zeit zitiert die Pfarrerin immer wieder: „Ich schlafe wie ein Hase.” Vier Jahre hat die Familie in Asylbewerberheimen gelebt, immer in der Angst vor einem jähen Ende der Duldung. Polizeiaktionen, bei denen Menschen mitten in der Nacht zur Abschiebung abgeholt wurden, haben sich für immer im Gedächtnis eingebrannt.

Es gab zwar einen Beschluss der Innenministerkonferenz, dass Roma aus dem Kosovo angesichts der ihnen drohenden Gefahr nicht abgeschoben werden dürfen. Doch dem traute die Familie nicht, zumal sie noch im Jahr 2006 ein Schreiben des Regierungspräsidiums erhielt, das die Abschiebung quasi ankündigte. „Besorgen Sie sich gültige Papiere, damit wir Sie abschieben können”, sei da sinngemäß drin gestanden, sagt Elke Gebhardt, und noch heute steigt ihr die Zornesröte ins Gesicht.

„Angst ist ein großes Wort”, sagt Nedzad S. Sein Deutsch hat er sich selbst durch Radiohören und Fernsehschauen beigebracht, es ist noch recht schwer verständlich. Doch den Satz mit der Angst sagt er mit großem Nachdruck und sehr deutlich artikuliert. Diese Angst, die das Leben der Familie über Jahre bestimmt hatte, wünsche er niemandem. Es war die Angst, abgeschoben zu werden in das, was man hier als ihre Heimat bezeichnet. Ins Kosovo. In ein Leben ohne Zukunft. In ein Land, in dem man ihnen mit offener Gewalt begegnen würde. Als Roma mit Frau und Kindern zurück ins Kosovo? Für den einstigen Asylbewerber undenkbar. Natürlich möchte er seine Heimat wiedersehen, aber selbst ein vorübergehender Besuch würde in der von Kosovoalbanern dominierten Region eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten, ist er sich sicher.

Unabhängigkeit des Kosovo hin oder her – es werde sich nichts zum Besseren für sie ändern, sind die Ehepartner überzeugt. Im politisch zerrissenen, wirtschaftlich desolaten Kosovo bleibe nur der, der überhaupt keine andere Wahl hat, sagt Nedzad S. Anhaltende Gewalt unter den verschiedenen Volksgruppen, eine Arbeitslosigkeit von 80 Prozent: wer will da von Perspektiven reden? Seine Frau Tereza, die aus dem serbischen Teil des Kosovo stammt, sieht keine Hoffnung: Nichts werde besser, „sondern immer nur noch schlimmer”.

Für Pfarrerin Gebhardt steht der Fall S. stellvertretend für das Schicksal vieler Migranten. „Als die beiden vor 15 Jahren geheiratet haben, da wollten sie doch nur ein ganz normales Leben in ihrer Heimat führen”, sagt sie. Und dann kamen Hass und Krieg, die ein Land zerrissen und vielen die Heimat genommen haben. Das möge sich manch einer klar machen, der leichtfertig über Flüchtlinge und ihre Fluchtmotive spricht, sagt die Pfarrerin.

Zuhause im Kosovo hatte die ganze Familie gemeinsam ein Haus gebaut – mit eigner Hände Arbeit. Schon damals saßen sie als Roma zwischen allen Stühlen, waren nur eine geduldete Minderheit. Seinerzeit mussten sie aber nicht um ihr Leben fürchten. Heute fühlen sie sich heimatlos. Ihr Haus ist von Kosovoalbanern okkupiert, die seit Jahren darin leben. Es jemals zurückzubekommen, diese Illusion hat das Ehrepaar S. nicht mehr. Unter all den Albanern wären sie Freiwild, befürchtet Nedzad S., der früher als Fußballer regionale Bekanntheit besaß und den Traum hatte, einmal Sportlehrer zu werden.

Dieser Traum ist wie viele andere im Leben von Tereza und Nedzad S. brutal geplatzt. Trotzdem wollen sie in Deutschland von vorne anfangen. Jetzt, in ihrem neuen Leben.

Autor: Peter Wark

Quelle: Backnanger Kreisanzeiger online