Ein multiethnischer Musterbetrieb in Ranilug – Serben in Kosovo Polje verkaufen ihre Häuser

In einer Ziegelei in Ranilug, im äussersten Osten Kosovos, arbeiten Albaner, Serben und Roma. Das Zusammenleben bereitet keine Probleme. Gewinner und Verlierer gibt es hingegen in Kosovo Polje. Serben verkaufen ihre Häuser, gekauft werden sie von Albanern.

Pristina, Mitte Dezember – «Über Politik wird auf dem Firmengelände nicht gesprochen», sagt Mustafe Borovci. In seiner im äussersten Osten Kosovos gelegenen Ziegelei gelten klare Regeln. Mit gutem Grund. Denn hier wird im Kleinen vorgelebt, was sich auch im Grossen entwickeln sollte: ein multiethnisches Zusammenleben in Kosovo. Die Hälfte der 85 Angestellten des Betriebs sind Albaner. Die andern sind Serben und Roma. Das privatwirtschaftliche Familienunternehmen funktioniert tadellos, steigert stets seinen Umsatz und bestätigt die von Unternehmern in der Schweiz immer wieder gewonnene Erfahrung, wonach eine betriebsinterne Zusammenarbeit zwischen Serben und Albanern keine Probleme bereitet. In Kosovo aber ist die Sache etwas komplizierter.

Alle am gleichen Tisch

Nach dem blutigen Konflikt im Jahre 1999 war auch auf dem Gebiet der Gemeinde Ranilug, wo die einst nach jugoslawischem Modell selbstverwaltete Ziegelei steht, an eine Wiederaufnahme des Betriebs nicht zu denken. Zwar hatten in dem Ort selbst keine Kämpfe stattgefunden, doch das interethnische Klima war vergiftet. Die Fabrikhallen begannen zu zerfallen, alles bewegliche Metall verschwand. Nur die Geräte von mehr als fünf Tonnen Gewicht blieben in dem Betrieb, der schnell zur Fabrikruine verkam. Drei Jahre nach Kriegsende ergriff das in der Region patrouillierende amerikanische Kontingent der internationalen Kfor-Truppe die Initiative. «Wenn potenzielle Troublemakers einen Job haben, gibt’s für uns weniger Arbeit», lautete die zutreffende Einsicht der Amerikaner. «Wir garantieren Security, ihr betreibt die Fabrik», lautete der Auftrag an die zwei Brüder Mustafe und Kamer Borovci, die zuvor mit Baustoffen gehandelt, aber noch nie eine Ziegelei betrieben hatten. Die Auflage der Amerikaner war klar: Bei der Anstellung galt fifty-fifty. Gleich viele Albaner wie Nichtalbaner.

Fünf Jahre später wurde das Unternehmen privatisiert und befindet sich nun im Besitz der beiden Brüder, die am Grundsatz der Gleichstellung eisern festhalten. Was einst eine Bedingung war, geschehe nun aus ihrem eigenen Willen, sagen sie. Die Arbeitsabläufe hätten sich sehr gut eingespielt, daran etwas zu verändern, wäre unsinnig. Bei betriebsinterner Beförderung gelte einzig die Arbeitsleistung. Manche der Serben sind wegen besserer fachlicher Qualifikation im Maschinen-Unterhalt tätig und etwas besser entlöhnt. Der Minimallohn für ungelernte Arbeiter liegt bei monatlich 250 Euro, was für Kosovo einem Durchschnitt entspricht. In dem Betrieb fällt viel manuelle Arbeit an. Die Backsteine werden auf Handwagen erst zum Trocknen gefahren und dann weitertransportiert in einen gigantischen Brennofen, wie er in dieser Art im westlichen Europa längst nicht mehr existiert. Gearbeitet wird in zwei Schichten zu je acht Stunden. Die Belegschaft jeder Schicht nimmt in der Kantine eine gemeinsame Mahlzeit ein; Serben, Albaner und Roma am selben Tisch.

Städtischer Wildwuchs

Wird diese Harmonie auch nach der Unabhängigkeit Bestand haben? Die beiden Brüder sind zuversichtlich. Die Gemeinde Ranilug wird laut dem Plan des Uno-Vermittlers Ahtisaari unter kosovo-serbische Verwaltung fallen. Aus diesem Grund sei kaum mit einem grossen Exodus der Serben zu rechnen. Sorgen bereitet den Brüdern viel eher die harte Konkurrenz auf dem Baustoffmarkt. Dies zwinge sie zur Expansion. Doch bei Zinssätzen von 15 Prozent sei an eine Kreditaufnahme nicht zu denken. «Richten Sie in Zürich Folgendes aus. Für zwei Millionen Euro Kredit zu günstigen Bedingungen beschäftigen wir im Gegenzug die von der Schweiz ausgeschafften Kosovo-Roma. Das ginge doch für alle Seiten auf. Oder etwa nicht?» Eine echte Win-win-Situation, wer weiss.

Gewinner und Verlierer leben Tür an Tür in Kosovo Polje, auf Albanisch Fushe-Kosove und auf Deutsch Amselfeld. Das aus sanften Hügeln bestehende Gebiet grenzt an den westlichen Stadtrand Pristinas und bildete mit seinen fruchtbaren Äckern, selbstverwalteten Industriebetrieben und der Eisenbahn Kosovos wirtschaftlichen Mittelpunkt zu jugoslawischer Zeit. Damals war Bresje eines der modernsten, reichsten und schönsten Dörfer der ganzen Region, berichtet ein älterer Einwohner. Mindestens ein Mitglied pro Haushalt bezog in einem staatlichen Betrieb regelmässigen Lohn. Niemand hatte Grund zum Auswandern, die Schule war voller Kinder, und allen ging es gut. Bresjes Bewohner leben seit Menschengedenken hier. Mit den Albanern in der Region hatte man wenig zu tun. Zwei dazugestossene Rentner pflichten bei. Die Männer stehen am schlammigen Strassenrand, an den Füssen tragen sie Opanken und beklagen ihr Schicksal, unterbrochen von einer Gruppe halbwüchsiger Roma, die sich mit Dreirad-Traktoren auf der Dorfstrasse ein halsbrecherisches Rennen liefern.

In dem einst 200 Haushalte zählenden Ort sind heute noch etwa 50 Häuser permanent bewohnt. Fast alle Gebäude stehen zum Verkauf, meist zweisprachig angeschrieben, serbisch und albanisch. Die Interessenten sind ausnahmslos Kosovo-Albaner. Bresje grenzt unmittelbar an die von Pristina nach Westen führende Hauptstrasse, die zum Flughafen und von da weiter nach Pec/Peja führt. In den vergangenen acht Jahren hat sich hier in beinahe rechtsfreiem Rahmen ein vorstädtischer Wildwuchs entwickelt, wie er in diesem Ausmass auf dem Balkan präzedenzlos ist. Zwischen Tankstellen und Shopping-Centern drängen sich unfertige mehrgeschossige Wohnsiedlungen und Baustofflager, dazwischen Marktstände, Fast-Food-Buden, Bauernhäuser, Motels, ausgebombte Militäranlagen und eine Privatuniversität. Trottoirs und Strassenlampen fehlen, auch Fussgängerstreifen gibt es keine, dafür fast täglich einen Unfall. Kapitalistische Stadtentwicklung in ihrer wildesten Form – für Urbanisten ein Forschungsfeld par excellence.

Nur einen Steinwurf von diesem Wahnsinn entfernt steht in Bresje ein rüstiger serbischer Pensionär vor seinem Haus und wartet auf Kundschaft. Auf seinem etwas über eine Hektare umfassenden Grundstück stehen drei ältere einstöckige Gebäude. Derzeit werde hier bis zu 50 Euro pro Quadratmeter bezahlt, sagt er. Wenn alles gut läuft, wird er für seinen Besitz eine halbe Million Euro erhalten. Er arbeitete ein Leben lang als Lokomotivführer und plant, sich in Südserbien zur Ruhe zu setzen. Seine Frau und die erwachsenen Kinder sind längst dort. Natürlich falle ihm der Abschied schwer, doch länger hier zu bleiben, habe keinen Sinn. Um seine Sicherheit sorge er sich nicht. Seit zwei Jahren bereits bewegt er sich hier ohne Probleme in einem Auto mit serbischen Nummernschildern. Er fährt damit zum Einkaufen in den albanischen Supermarkt, und niemand stört sich daran. Sicherheit sei eine sehr subjektive Empfindung, beteuert er. «Doch was soll ich noch länger an einem Ort, der für uns keine Zukunft bietet?»

Ein Ort für rechtschaffene Bürger

Etwas abseits von diesem lärmigen Wildwuchs entsteht derzeit an Pristinas südlichem Stadtrand in unmittelbarer Nähe der serbischen Enklave Gracanica eine balkanische Premiere, wie sie beispielhafter für Kosovos Aufbruch nicht sein könnte. Gebaut wird da an bevorzugter Aussichtslage eine Wohnsiedlung nach dem amerikanischen Vorbild der «gated communities». Diese Siedlungsweise, deren architektonischer Ursprung die «garden city» ist, hat in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit Kopien gefunden. Meist sind es Sicherheitsgründe, welche Hauskäufer zu einem freiwilligen Leben hinter Gittern bewegen. In solch eingezäunte Wohnsiedlungen erhält nur Einlass, wer entweder dort residiert oder bei der bewachten Eingangspforte glaubhaft machen kann, dass er ein Besucher ist. Das ist auch so beim «International Village», obwohl erst 5 der geplanten 109 Einfamilienhäuser im Rohbau erstellt sind. Um das 9 Hektaren grosse Gelände zieht sich ein befestigter Zaun, und an der Pforte wacht bereits jetzt ein Security Officer. Neben seinem Häuschen wehen drei Flaggen: die amerikanische, die albanische und jene der EU.

Der ausführende Architekt Gazmend Bunjaku räumt freimütig ein, dass Pristinas vergleichsweise niedrige Kriminalitätsrate keinerlei Anlass gibt, sich in dem eingezäunten «International Village» ein Haus zu kaufen. Es sind offenbar andere Gründe, weshalb bereits über 30 Käufer einen Vertrag über eines der Häuser unterschrieben haben, die zwischen 220 000 und 480 000 Euro kosten, je nach Typ. Sie sind alle zweigeschossig und sehen innen und aussen exakt so aus, wie Hollywood den Wohntraum einer Kleinfamilie darzustellen pflegt. Den Leuten gefalle das, sagt Bunjaku, der mit seiner Familie auch hier zu wohnen gedenkt. Hinzu kommt die gemeinsam nutzbare Infrastruktur, bestehend aus einem grossen Schwimmbecken, einem Gemeinschaftsgebäude (mit unklarer Bestimmung), einem kleinen Shopping-Center am Eingang (zugänglich auch für Nicht-Bewohner) und einem auf der Innenseite des Zauns um die ganze Wohnsiedlung führenden Jogging-Track. Die ganze Siedlung wird grosszügig begrünt, permanente Strom- und Wasserzufuhr sind garantiert (in Pristina ein seltenes Privileg), und geheizt werden die Häuser mit Wärmepumpen-Technologie, Swiss made.

Die künftigen Bewohner des «International Village» werden den nach amerikanischem Vorbild abgefassten sehr restriktiven Regeln der Eigentümergemeinschaft unterstellt sein. Diese Vorschriften legen nicht nur die Zeit des Rasenmähens fest, sondern sie prägen eine Lebensweise. Künftig wird hier niemand im Garten ein Schaf schlachten, die Anzahl der vor dem Haus parkierten Autos ist beschränkt, und schon gar nicht in Frage kommen Annexbauten oder Gebäudeaufstockungen – also alles Dinge, die in Pristina seit acht Jahren üblich sind, wo Unterweltfiguren und politische Emporkömmlinge in Missachtung sämtlicher Baugesetze wie um die Wette protzige Paläste errichten. Wer im «International Village» gegen die Regeln verstosse, müsse mit happigen Geldstrafen rechnen, sagt der Architekt. Die Interessenten würden daher vor dem Kauf sehr genau unter die Lupe genommen. Es müssten Leute sein, die in diese Siedlung passten. Dies könnten selbstverständlich auch Serben oder Roma sein, sagt der weltoffene und vielgereiste Architekt. Doch bisher habe sich noch keiner gemeldet.  

Quelle: NZZ Online, 5. Januar 2008

Autor: Martin Woker